Bundesverkehrsministerium: Über 50 % der Ortsumfahrungen entlasten kaum – nur 5 % wirken stark.
Gefahrenstellen werden nur verlagert, aber nicht nachhaltig gelöst!
Bereits im Rahmen des Bundesverkehrswegeplans 2003 stellte das Bundesverkehrsministerium fest, dass über 50 % der geplanten Ortsumfahrungen keine nennenswerte Entlastung der Ortsdurchfahrten erzielen und lediglich rund 5 % eine sehr hohe oder herausragende Wirkung erreichen.1
Neuere Untersuchungen bestätigen diese Tendenz: Studien der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zeigen, dass Ortsumfahrungen zwar innerorts Unfallzahlen senken, gleichzeitig aber neue Unfallrisiken und schwere Unfälle auf den schneller befahrbaren Umfahrungsstrecken entstehen.2
Gründe: Höhere Geschwindigkeiten (80-100km/h PKW, 60 km/h LKW über 7,5t), monotone Strecken und riskante Überholmanöver auf neuen Trassen. Im Ebersbachtal zusätzlich Gefahr durch querende Tiere (Niederwild) sowie Nebel!
Forschungsarbeiten zur Stadt- und Regionalentwicklung belegen außerdem, dass ein hoher Anteil des Verkehrs Binnenverkehr bleibt und sich die erhoffte Entlastung daher häufig nur teilweise realisiert3. In Neunkirchen sogar ca. 60% innerörtlicher Verkehr!
Ergänzende Analysen der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags und internationale Studien bestätigen zudem den Effekt des induzierten Verkehrs – neue Straßen führen langfristig zu mehr Gesamtverkehr, mehr Emissionen und einer räumlichen Verlagerung der Belastungen4.
Insgesamt zeigen aktuelle Erkenntnisse, dass Ortsumfahrungen Verkehrsprobleme nicht nachhaltig lösen, sondern häufig lediglich in den Außenbereich verschieben.
Quellenangaben:
- Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW): Städtebauliche Beurteilung der Straßenbauprojekte im Bundesverkehrswegeplan 2003, Modul D. Ergebnis: >50 % der Projekte mit „keiner“ oder „geringer Bedeutung“, nur ca. 5 % mit „sehr hoher/herausragender ↩︎
- Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), Heusch/Boesefeldt (1997 & 2011): Untersuchungen zur Verkehrssicherheit nach Eröffnung von Ortsumgehungen. Ergebnis: Rückgang der Unfälle innerorts, aber Zunahme schwerer Unfälle auf den neuen Trassen. ↩︎
- Schneewolf, R. et al. (2000), „Ortsumfahrungen für Kleinstädte sinnvoll?“ in Internationales Verkehrswesen 7+8/2000. Ergebnis: Durchgangsverkehr oft nur 4–34 %, der Rest bleibt Binnenverkehr; Entlastung daher begrenzt. ↩︎
- Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags (2021): Induzierter Verkehr durch Straßenbau – Überblick über Forschungslage. Ergebnis: Neue Straßen erzeugen zusätzlichen Verkehr, was Entlastungseffekte verringert oder zunichtemacht. Siehe auch internationale Übersicht: Goodwin, P. (1995): Empirical Evidence on Induced Traffic. ↩︎